Pink is where the ♥ is

"Pink is where the hesrt is" Invitation

 

 

Henrik Eiben 

"Pink is where the ♥ is"

8. September - 16. Oktober 2010

Eröffnung am Dienstag, den 7. September 2010 ab 19 Uhr

Öffnungszeiten: Di - Fr 10 - 18 Uhr + Sa 11 - 15 Uhr

 

Anfang Mai 2010. Henrik ist zu seinem Stipendium nach Sao Paulo aufgebrochen. Glücklicherweise wurde noch skype auf seinem Rechner installiert, dann können wir telefonieren und uns sogar dabei sehen. Dramatisch genug, dass wir uns monatelang nicht persönlich erleben und besuchen können, denn ich werde nicht die Zeit für einen Brasilien-Trip finden und das ist nicht nur schade, sondern auch eine wichtige und unfassbare verpasste Chance. Henrik besucht uns oft in der Galerie, wo wir gerne bei Kaffee oder Bier Gespräche über aktuelle Tendenzen der bildenden Kunst und das Programm der Galerie sprechen. Und ich besuche Henrik öfter mal, aber eigentlich viel zu selten, in seinem Atelier, das sich für mich längst zu einer Art kontemplativem Rückzugsort entwickelt hat, an dem ich mich immer wieder sehr gern aufhalte und voller Bewunderung die Dinge beobachte, die dort entstehen. Zum Glück befindet es sich ganz in der Nähe auf einem Gewerbehof hier in Rothenburgsort, dem next place to be. Wir hören Platten von Herbie Hancock bis zu den Foo Fighters, trinken Tee und reden dann meistens über Henriks Arbeit. Es sind drei lichtdurchflutete Räume: Ein riesiger, der den großen Arbeiten und der Präsentation dient, ein kleinerer für Zeichnungen sowie ein mittlerer zum Lagern und für die groben Arbeiten wie Schleifen oder Sägen. Neben vernachlässigter Küche und Toilette mit einigen guten Büchern. Schon interessant, dass Orte Themen bedingen. Man braucht offenbar ein gewisses Umfeld um gewisse Dinge denken zu können. Wohl denen, die das nicht brauchen. Vision is scary.


Doch zurück zu Brasilien: Henrik hat eine sensationelle Wohnung inklusive Studio. Sie ist auch sehr hell, soviel kann ich sehen. Und das Beste: Es passt. Ich frage mich, ob ein Stipendium in Brasilien einen Künstler, der bereits enorm frei und sensibel über Material- und Gattungsfragen nachdenkt und dementsprechende Arbeiten produziert, sich noch weiter öffnen und sensibilisieren kann und ob er die große Sicherheit, die es dazu braucht, in kürzester Zeit ausbaut und vor allem eine Idee des dortigen Spirit des „vida louca“ herübertragen und hineintragen kann in seine Arbeit? Natürlich kann er. Es ist ja Henrik, jener Künstler, der der teilweisen Kakophonie in der aktuellen Kunst etwas entgegenzusetzen vermag indem er erstmal den Produktionsprozess massiv entschleunigt. Und es so schafft, mit seiner Arbeit aus dem überladenen Gewirr durch den Ruf nach Einkehr und Intensität herauszustechen. Und der auf diese Art auch die Rezipienten zur eingehenderen Betrachtung herausfordert - so er oder sie sich einlässt. Schon Germano Celant zielt ja in seinem Kuratieren, Schreiben, Denken vor allem bezüglich der Arte Povera auf die Dimension der Zeit ab und fordert „die Dimension des Lebens als Dauer ohne Fälligkeiten“.


Und so scheint Henrik, der 1975 in Tokyo Geborene, der seine künstlerische Laufbahn an der AKI in Enschede / Niederlande begann und über das Maryland Institute of Art in Baltimore / USA in der Meisterschülerklasse von Silvia Bächli an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe landete, an einem Ort angekommen zu sein, der in seinem Sinne ist. Extrem dynamisch zwar und lebhaft, doch niemals gegen die Zeit anarbeitend. Wir haben die Uhren, er hat die Zeit, möchte man denken. Das funktioniert ja in der Kunst nach wie vor nur mit solchen Arbeiten, die die Magie ausstrahlen mit der sie entstanden sind und das funktioniert eben nicht immer in fabrikartigen Produktionsprozessen. Schon gar nicht über die Vermittlung einer didaktischen Syntax, die sich moralischen und politischen Aussagen anbiedert. Henrik Eiben akzeptiert in seinem Tun weder das Ende der Utopie über die Macht der Kunst noch die Tatsache, dass die Betrachter seiner Arbeiten keine Fragen an die Kunst und das Leben haben. „Eibens Arbeiten belegen auf nachdrückliche Weise, dass der Wunsch, eine mit Absolutheitsanspruch durchkomponierte und auszuschöpfende ästhetische Wirkung in der künstlerischen Arbeit zugrundezulegen, zur vollen Entfaltung den Dialog mit dem subjektiven Erfahrungsraum des Betrachters suchen muss“, wie Benjamin Fellmann in „Talking Aesthetics. Form und Gehalt in den Arbeiten Henrik Eibens“ schreibt. Also schauen wir besser mal genauer hin und in uns rein.


Und so bildet er in langen, ewig von allen Seiten reflektierenden Prozessen Skulpturen aus Farbe, Zeichnungen aus Metall oder Fäden im Raum, erzeugt farbige Schimmer an der Wand und malt mit Stoffen. Ein zentraler Punkt seines künstlerischen Entwurfs richtet sich an das Verwischen der klaren Begrenzungslinien zwischen Genres, Klischees und Stereotypen. Dieses funktioniert stark über Materialität und die Herausforderung an sich selbst und zugleich die Rezipienten, nicht nur über Gattungen und Genres, sondern vielmehr über umfassendere Kategorien wie Kontemplation, Subtiles, Herzerfrischung, Schönheit und Relevanz nachzudenken. Auf äußerst sensible, individuelle Art denkt Henrik Eiben über Ikonographien von Minimaliusmus, Black Painting, Farbfeldmalerei, Radical Painting, Stoffe und Farben aller Art sowie seit Brasilien auch Ton und Glas nach. Dieses tut er einerseits auf eine ikonographische Art und Weise, er tut es aber nicht weniger auf eine emotionale Weise, die aus visuellen und psychischen Eindrücken gespeist wird. Jedes Material, jeder Stoff hat seine eigene Aura und alles ruft ganz individuelle Erinnerungen in uns hervor, hat seine spezielle Geschichte, losgelöst von jeder Verpflichtung gegenüber Figürlichkeit, Narration hin zu einer gewissen Emanzipation der klassischen Form, beispielsweise der Leinwand. Konsequent geht Henrik mit seinen Arbeiten mehr und mehr den Schritt in den Raum und löst sich mehr denn  je von jeder klassischen Form. Inhaltlich-narrative Aspekt sind hierbei keineswegs ausgeschlossen, erschliessen sich allerdings eher „von hinten durch die Brust ins Auge“.


Während Henriks Aufenthalt in Sao Paulo entstehen nicht nur Arbeiten, die in unsere Show kommen, wie die tönernen „beijos“ und Zeichnungen mit und aus Eisstielen, sondern bei der Galerie Fortes Vilaça entdeckt er auch eine unglaubliche junge Malerin mit der er eine Arbeit tauscht und mit der wir eine Ausstellung machen werden. Während wir weiter Ausstellungen machen und herumtouren. Im Zuge der Basler Messe sehen Birte und ich in der Fondation Beyeler die Jean-Michel Basquiat-Ausstellung und besorgen den schönen begleitenden Katalog. Als Henrik endlich wieder da ist, entdeckt er völlig fasziniert in diesem Buch eine Installationsansicht aus einer Ausstellung bei Gagosian in Los Angeles aus den frühen 1980er Jahren und ihm fällt die Holzstruktur der Decke der Galerie auf. Daraus wird nun die Arbeit „Larry´s ceiling“, die ebenfalls in die Show kommt. Ende Juli machte ich mich auf den Weg in die lang ersehnten Ferien. Ein Roadtrip mit meinem besten Freund führt mich unter anderem in wichtige europäische Gotteshäuser: Magdeburg, Quedlinburg, Gernrode, Naumburg, Wien, Venedig, in die Cappella degli Scrovegni zu Padua, nach San Vitale in Ravenna, Mailand, aber auch in das Dessauer Bauhaus, zum Nürnberger Reichsparteitagsgelände, in die Arena di Verona, ans Meer, an der Comer See und den Lago Maggiore über den San Bernardino, einen der beeindruckendsten Bergpässe Europas zurück nach Berlin, wo ich noch die Biennale und danach ein bisschen uninspiriert die Olafur Eliasson-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau sehe, dann zurück ins geliebte Hamburg. Henrik gibt mir vorher noch Lesestoff mit, von dem ich eigentlich mehr als genug dabeihabe. Dieses Buch lese ich im Wiener Burggarten: Senecas „Von der Kürze des Lebens“. Ich verstehe jetzt besser, wie man so ein Fels in der Brandung sein kann wie Henrik Eiben.                      

Diane Kruse